Dr. Sylvia Bräsel / Universität Erfurt
Johann Bolljahn (1862- 1928): Begründer des Deutschunterrichts in Korea – zur interkulturellen Karriere eines pommerschen Lehrers in OstasienIm November 2008 hatte ich die Möglichkeit, anlässlich der Feierlichkeiten 125 Jahre deutsch-koreanische Beziehungen im Goethe Institut das Lebenswerk des Begründers des Deutschunterrichts in Korea, Johann Bolljahn erstmals öffentlich zu würdigen. Fast genau 110 Jahre zuvor (am 15. September 1898) war der Deutschunterricht in Korea mit der Gründung der „Kaiserlichen Deutschen Sprachschule“ aus der Taufe gehoben worden. Johann Bolljahn (1862 – 1928) war der erste Direktor dieser Sprachschule - und damit wohl der „Stammvater“ des heutigen Goethe Instituts in Seoul und ein früher Nestor der Deutschen Abteilungen an koreanischen Universitäten. Ihm, dem engagierten Initiator der deutschen Sprach- und Kulturarbeit - dessen Todestag sich am 25. Oktober 2008 zudem zum 80. Mal jährte – gilt es endlich den ihm gebührenden Platz in der deutsch-koreanischen Beziehungsgeschichte einzuräumen. Aus diesem Grunde sind die folgenden Ausführungen mit der Bitte verbunden, für die Neuerrichtung des Grabsteines von Johann Bolljahn in seiner Heimatgemeinde Paske/ Usedom zu spenden.
Bisher war über diesen verdienstvollen Kulturmittler zwischen Korea und Deutschland äußerst wenig bekannt. Zwar eröffnete 2002 der damalige Bundespräsident J. Rau seine Rede in Seoul mit den folgenden Worten: „Die Beziehungen zwischen Korea und Deutschland sind ja noch vergleichsweise jung. Die Deutschen haben Korea erst Ende des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt. Um diese Zeit gründete Hermann Meyer das erste deutsche Handelshaus in Korea, die Firma Meyer & Co. Johannes Bolljahn wurde 1898 zum Direktor der kaiserlichen Deutschen Sprachschule in Seoul ernannt.“Doch konkrete Details zum Leben und Wirken (wie schon Geburts- und Sterbedaten, Ausbildung etc.) dieses verdienstvollen Kulturmittlers suchte man bisher durchweg vergeblich. Die nach langwierigen und aufwendigen Recherchen und Archivarbeiten von mir zusammengestellten Dokumente zum Entwicklungsweg des Begründers des Deutschunterrichts in Korea zeichnen das Bild eines aufgeschlossenen , zielstrebigen, sangesfreudigen und lebensbejahenden Mannes mit Herz und Verstand, der das harte Dasein eines Küstenvolkes aus eigenen frühen Kindheits-erfahrungen nur zu gut kannte. Johann Bolljahn wurde am 20. Februar 1862 in dem kleinen Dörfchen Paske – heute ein Ortsteil der Kleinstadt Usedom auf der Insel Usedom - an der Ostsee als Sohn eines Fischers und Kornhändlers geboren. Der Alltag der Familie war karg und durch harte Arbeit geprägt. Johann Bolljahn scheint – ähnlich den Missionar Karl Gützlaff - ein aufgeweckter und wissbegieriger Junge gewesen zu sein. Bereits als 15-jähriger wurde er Pate für den im Nachbarhaus geborenen kleinen Johann Riemer. Das spricht für die Anerkennung des jungen Bolljahn in der Dorfgemeinde. Denn zu diesem Zeitpunkt war Johann Bolljahn bereits „Präperante“, d.h. Zögling einer einfachen Lehrerbildungseinrichtung. Dies wiederum war ein bemerkenswerter sozialer Aufstieg für einen Jungen aus einem kleinen Fischerdorf. Mit Fleiß und Energie konnte Bolljahn zu Michaelis 1878 sogar seine Aufnahme als Zögling am Königlichen Preußischen Evangelischen Schullehrerseminar zu Kammin in Hinterpommern erreichen. Das Entlassungszeugnis vom 1.9.1881 bescheinigt ihm die Befähigung zum Volksschullehrer sowie Kantoren- und Organistendienst. Nach der Lehramtsprüfung zum Elementar-Lehrer trat Bolljahn seine 1. Stelle in Selz bei Treptow an der Rega in Hinterpommern an. Von Michaelis 1882 bis Mai 1884 –war er als Lehrer in seiner Heimatgemeinde Usedom tätig. Es spricht für die Weltoffenheit, gesunde Neugierde und Zielstrebigkeit des jungen Bolljahn, dass er im September 1884 eine Lehrerstelle an der Höheren Töchterschule in Manchester/ England erhielt. Mit dem ersparten Geld finanzierte er wiederum eine anschließende viermonatige Französisch-Ausbildung in Paris und legte danach in Deutschland das Examen für Mittelschul-Lehrer ab. Für seine Zeit bestens ausgebildet und mit Auslandserfahrungen probierte er seine erworbenen Sprachkenntnisse bzw. seine pädagogische Befähigung ein knappes Jahr (November 1888 bis April 1889) als Lehrer für Deutsch und Französisch an der Knaben-Mittelschule in Angermünde aus. Doch dann hielt es den Mann von der Küste nicht mehr in Europa. Ganz im Sinne dieser unvoreingenommenen Lust auf Erkundung einer anderen Kultur traf der gerade 27 jährige Vorpommer Johann Bolljahn im Juni 1889 in Tokio ein. Er hatte sich erfolgreich als Lehrer an der Evangelischen Deutschen Schule beworben und gab zudem Unterricht an verschiedenen anderen Einrichtungen – wie zum Beispiel der landwirtschaftlichen Abteilung der Universität Tokio. Der deutsche Jurist und Reformpolitiker Georg Michaelis, der ebenfalls zur Meiji –Zeit in Japan lehrte, lobt - wie der deutsche Pfarrer Schmiedel - den Unterricht des jungen Lehrers aus Vorpommern - und notierte:„Herr Bolljahn gefällt uns allen sehr. Er ist ein 27 Jahre alter, frischer, vollbärtiger blonder Mann, singt und spielt Geige – und die Jungen hingen alle gleich mit intensiver Liebe an ihm. Im Gottesdienst spielt er (Orgel) zum Gesang. Er scheint ein glücklicher Griff gewesen zu sein“Johann Bolljahn - so belegen es die Akten – kam auf Vermittlung des Diplomaten Treutler im August 1889 nach Korea. Hintergrund war die geplante Eröffnung einer Deutschen Sprachschule (am 15.9.1898) in Absprache mit den koreanischen Behörden. Bolljahn wird als geeigneter Kandidat vorgeschlagen und nimmt die Stellung an In den Ausführungen von Konsul Krien wird noch einmal auf den Werdegang von Bolljahn, seine ausdrückliche Eignung bzw. seine Auslandserfahrungen in Manchester, Paris und Tokio verwiesen. Siegfried Genthe und Emma Kroebel ist es wiederum zu danken, dass wir noch heute einen Eindruck von der gesellschaftlichen Anerkennung, den Unterrichtsmethoden, und dem Verlauf der Prüfungen an der Kaiserlichen Deutschen Sprachschule unter Rektor Bolljahn in Seoul erhalten können. Genthe schreibt in seinen Reiseschilderungen Korea: „Ich hörte in verschiedenen Fächern zu, Erdkunde, Kopfrechnen, Geschichte, deutsche Grammatik und deutsche Dichtung. Am meisten wunderte mich, wie es gelungen war, ein so schwer greifbares und selbst den meisten Deutschen nur dem Gebrauch nach vertrautes Stoffgebiet, wie die deutsche Grammatik, den jungen Koreanern fasslich zu machen. Beim Abfragen bediente sich der Lehrer ausschließlich des Deutschen.“ Erfolgreiche Absolventen der Deutschen Sprachschule unter Rektor Bolljahn waren unter anderem die ersten koreanischen Diplomaten, die nach Berlin entsandt wurden: Woo Ki-Won und Hyen Hong-Shik
Weltoffenheit, Toleranz und Mittlergeist bewies Bolljahn auch in seinen zahlreichen Publikationen. Hier ist anzumerken, dass es in dieser Zeit durchaus zum guten Ton gehörte, dass ein Lehrer in gehobener Stellung sich auch wissenschaftlich profilierte. Die Spannbreite seiner Veröffentlichungen in verschiedensten renommierten Zeitschriften (Missionskunde und Religionswissenschaft, Deutsche Zeitschrift für ausländisches Unterrichtswesen, Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik etc.) ist beeindruckend. Er schildert Land, Leute, Sitten und Gebräuche interessant, eingängig und mit wohlwollender Spannung für den Leser. Nicht weniger bildlich und ohne pädagogischen Zeigefinger schildert der deutsche Lehrer für seine deutschsprachigen Rezipienten die Organisation des koreanischen Prüfungssystems bzw. das Examen „Kwagga“:Andererseits liebte Johann Bolljahn schon die Geselligkeit. Besonders mit Dr. Richard Wunsch scheint ihn eine Männerfreundschaft verbunden zu haben.
Da ist von Empfängen bei Krien in der deutschen Gesandtschaft, vom Schlachtfest bei Kapellmeister Eckert, Silvesterfeiern bei der Kaufmannsfamilie Wolter, Skatrunden mit Dr. Wunsch und dem Geschäftsmann Lührs, Hauskonzerten, Ausflügen und der Hochzeit der Tochter Irene von Kapellmeister Eckert mit dem belgischen Legationsrat Delevigne die Rede.
Im Oktober 1903 beklagte der weitsichtige Dr. Wunsch in einem Brief das Versagen der koreanischen Regierung mit Blick auf jegliche Modernisierung des Landes:
Die Schließung der kaiserlichen deutschen Sprachschule im Jahre 1905 war ein Ergebnis dieser Abschottung, die schließlich in die koloniale Abhängigkeit führte.
In dieser Zeit muss Bolljahn eine Rückkehr nach Deutschland zumindest erwogen haben.
Da aber seine Auslandsqualifikation nicht als Befähigung für den heimatlichen Schuldienst akzeptiert wurde und die Dienstjahre keine Anerkennung fanden, blieb er in Korea während der japanischen Besatzung. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges arbeitete er als Sprachlehrer.
Im Jahre 1919 kehrte Johann Bolljahn nach 30 Jahren in Ostasien (davon 20 Jahre in Korea) als recht wohlhabender Mann nach Deutschland zurück. In dem vornehmen Ostseebad Swinemünde (heute im polnischen Teil der Insel Usedom gelegen) – nicht weit entfernt von seinem Heimatdorf Paske – erwarb er eine Villa. Bolljahn – inzwischen 57 Jahre alt – nahm eine Stellung als Lehrer an der Marinefachschule in Osternothafen an. Mit 60 Jahren – am 15. September 1922 - heiratete der Junggeselle Johann Bolljahn in Swinemünde Ida Wilhelmine Gorschalki. „Idel“, wie nach Auskunft von Frau Käthe Bugdahn – der letzten lebenden Zeitzeugin – Johann Bolljahn seine Frau liebevoll nannte – war übrigens die Witwe des deutschen Kaufmanns Gorschalki, der in Seoul für Esswaren aus der Heimat gesorgt hatte. Mit seiner Frau hat der bodenständige wie weltoffene Bolljahn oft seinen Heimatort Paske besucht. Er war den Menschen dort mit ihren Sorgen und Nöten nicht fremd geworden.
Die Lebensreise des Johann Bolljahn endete am 25. Oktober 1928 mit nur 66 Jahren. Wunschgemäß wurde Johann Bolljahn auf dem Friedhof seines Geburtsortes Paske beigesetzt.
Im August letzten Jahres hatte ich die Ehre, auf Einladung des Geschichtsvereins Usedom über das Leben und die Verdienste von Johann Bolljahn zu sprechen.
Das Interesse und die Aufgeschlossenheit der Bürger haben mich sehr beeindruckt. Ca. 50 Personen kamen ins „Cafe Roseneck“ um über den größten Sohn ihres Ortes, seine Tätigkeit in Korea Näheres zu erfahren und stellten dazu viele Fragen.
Am Nachmittag hatte bereits auf Initiative des rührigen Professor Saegert aus Paske und seiner 88 jährigen Mutter Käthe Bugdahn – die Bolljahn noch in den zwanziger Jahren als Nachbarskind in Paske kennenlernte- eine Friedhofsbesichtigung mit den Bolljahn-Nachfahren Herrn Warnke und Herrn Pirwitz stattgefunden. Zur Veranstaltung spendeten die Teilnehmer des Bolljahn-Vortrages spontan 180 –Euro für eine Wiederherstellung der Grabplatte. Denn der Grabstein von Johannes Boljahn existiert leider nicht mehr.
Dafür ist seine Grabstätte erhalten
Sie soll nunmehr mit einem Gedenkstein an die Verdienste von Johann Bolljahn um die deutsch-koreanischen Beziehungen erinnert werden.
Doch lassen wir Johann Bolljahn das letzte Wort, das mit Ihrer Spende auf dem Grabstein in Paske wieder erstehen soll:
Johann Bolljahn* 1862 – +1928Manchester – Paris – Tokio - Seoul„Im Leben Gottes weite Welt.Im Tode die Heimat“
Geburtshaus von Herrn Bolljahn
Friedhofsplatz von Herrn Bolljahn